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Armut ist mehr, als kein Geld haben!

Armut ist mehr, als kein Geld haben! Es gibt keine einfache Formel, die Armut erklärt. Jeder Versuch, Armut auf einzelne Ursachen zu reduzieren (Kolonialismus, Bevölkerungsexplosion, etc.) bringt allenfalls Halbwahrheiten hervor. So mehrdimensional das Leben ist, so unterschiedlich können die Ursachen für Armut sein. Es gibt historische, ökonomische, gesellschaftliche, politische, kulturelle oder spirituelle Gründe. Und sie beeinflussen sich gegenseitig. Hierin liegt die Herausforderung jeder Strategie zur Bekämpfung der Armut.

In den Strömungen der großen Entwicklungstheorien wird deutlich,  wie aus vereinfachten Definitionen von Armut auch vereinfachte Lösungsmodelle entstanden sind. Zum Beispiel:

In den 50er und 60er Jahren nahm man an, dass vor allem fehlendes kapitalistisches Denken und der Glaube an Naturreligionen Hauptursachen für Armut sind. Die Konsequenz dieser Annahme verdeutlichte sich in den Strategien zur Bewältigung der Armut: Säkularisierung, Leistungsorientierung, wirtschaftliches Wachstum und Pluralisierung. Angleichung an Strukturen und Denkweisen des globalen Nordens (reicher Westen), Bevormundung, Machtmissbrauch. Oder einfacher gesagt:

Man ging davon aus, dass Geld Armut beseitigt und dass Armut erfolgreich bekämpft wird, wenn arme Länder so werden wie wir.

Auch wenn man diese Theorie zehn bis zwanzig Jahre später begrub, sind einige dieser Annahmen heute noch sehr lebendig.

Aber einiges änderte sich in den 80er und 90er Jahren. Entwicklungstheoretiker wie z.B. Robert Chambers änderten die Perspektive hin zu den Menschen, die in Armut leben. Die Ursachen und Auswirkungen der Armut wurden weniger in abstrakten wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen gesucht, sondern es ging um den Menschen in seinen sozialen Systemen. Hier wurde Armut nicht nur materiell definiert, sondern folgende Merkmale kamen dazu: die besondere Anfälligkeit der Menschen für Ausbeutung, Krankheiten, Mangelernährung und Naturkatastrophen (Vulnerabilität); Isolation, fehlender Zugang zu Bildung, Machtlosigkeit und fehlendes politisches Mitspracherecht. Kerngedanken: Alle Merkmale der Armut existieren in einer destruktiven Wechselbeziehung und bedingen einander.

Der Inder Jayakumar Christian ergänzte in den 90er Jahren die spirituelle Ebene und deutete Armut anhand des Beziehungssystems, in dem ein Mensch lebt. Dieses Beziehungssystem unterteilt er in soziale, politische, ökonomische und religiöse Beziehungen und betont dabei die Verbindung der Armen mit den nicht Armen. Christian geht davon aus, dass die Beziehungsstrukturen auf allen Ebenen gestört sind und dass sowohl Arme als auch nicht Arme von diesen destruktiven Strukturen betroffen sind und sie die Identität des Menschen angreifen. Hier beschreibt er ein System der Armut, dessen Ursachen und Auswirkungen auf allen Ebenen des menschlichen Lebens zu finden sind. Sowohl im Leben der Armen als auch in dem der nicht Armen – weltweit. Dieses umfassende Verständnis von Armut und ihren Ursachen begründet er theologisch mit dem Sündenfall, von dem an alle Beziehungsgefüge, also des Menschen zu sich selbst, zu seinem Nächsten, zu Gott und zur gesamten Weltordnung gestört sind.

Bryant L. Meyers fasst es so zusammen: Die Konsequenz des Sündenfalls und des Ungehorsams des Menschen gegenüber Gott ist, dass die menschliche Identität und alle Dimensionen menschlicher Beziehungen gestört sind. Die Folge: Korrumpierte und verzerrte Beziehungen des Menschen – zu Gott, zu sich selbst, zu seinem Umfeld und zur Natur.

Die Folge der Sünde ist eine Welt, die von Gott getrennt ist. Ungerechtigkeit, Armut, Gewalt und Kriege lassen sich auf dieses Beziehungsproblem zurückführen. Die Folge der Sünde schließt alle Dimensionen des Lebens und Zusammenlebens ein. Das Problem des einzelnen Menschen summiert sich und spiegelt sich im Zusammenleben aller Menschen wider. Daraus entsteht eine Gesellschaft mit ihren eigenen korrumpierten Werten und Normen.

Wenn wir Christen also annehmen, dass die Grundursache für Armut in Sünde liegt und Sünde die Trennung und Zerstörung der Beziehung zwischen den Menschen und Gott, zu sich selbst und seinen Mitmenschen ist, dann muss die Bekämpfung der Armut eine geistliche Komponente beinhalten. Dann müssen die Ziele von Entwicklung in der Wiederherstellung dessen liegen, was zerstört wurde.

Armut ist ein wirtschaftliches und strukturelles Problem. Armut ist Isolation, Verletzlichkeit, Mangel an Zugängen zu Bildung und Gesundheit. Armut ist Ungerechtigkeit. Und in all dem ist Armut immer auch ein geistliches Problem. Und damit ein Beziehungsproblem.

Um Armut zu bekämpfen braucht es deshalb mehr als Geld.

 

Literaturempfehlung:

Faix, Tobias & Künkler, Tobias 2012. Die verändernde Kraft des Evangeliums: Beiträge zu den Marburger Transformationsstudien. Marburg an der Lahn: Francke.

Myers, Bryant L. 1999. Walking with the poor: Principles and practices of transformational development. Maryknoll, N.Y: Orbis Books.

Sangmeister, Hartmut & Schönstedt, Alexa 2009. Wege und Irrwege zum Wohlstand: Theorien und Strategien wirtschaftlicher Entwicklung.

Weissenborn, Thomas 2008. Das Geheimnis der Hoffnung: Einführung in den christlichen Glauben. Marburg an der Lahn: Francke.

Wright, Nicholas T. 2011. Von Hoffnung überrascht: Was die Bibel wirklich zu Auferstehung und ewigem Leben sagt. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Aussaat.

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