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Christen in Multikulti-Gesellschaften: Lernen von Kirchen in Thailand

Montag ist neuerdings Demotag. Seit Oktober 2014 protestiert Pegida wöchentlich gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes und gegen eine schlechte Einwanderungs- und Asylpolitik in Deutschland. Daneben gehen tausende Pegida-Gegner auf die Straße. Dann der Angriff auf Charlie Hebdo in Paris und die darauf folgenden Angriffe von Boko Haram in Nigeria und seinen Nachbarländern. Diese Ereignisse beeinflussen nicht nur unsere mediale Landschaft. Auch unsere christlichen Gemeinden und Kirchen sind herausgefordert und die Situation ist angespannt: Wie stehen Christen dazu? Für Toleranz auf die Straße gehen? Oder das christliche Abendland beschützen? Oder beides? Meine Facebook-Timeline zeigt: Die Meinungen gehen stark auseinander.

Letztes Jahr war ich im Norden Thailands, auch hier ist die Situation angespannt: Thailand ist multikulturell. Christen leben hier in der Minderheit, neben Buddhisten und Moslems. Aus Laos und Myanmar kommen viele Flüchtlinge ins Land. Auch wirtschaftliche Armut ist weiterhin ein Problem. Arbeit ist Mangelware.

In Deutschland begegnet mir immer wieder die Aussage: „Von unseren Geschwistern im globalen Süden können wir viel lernen.“ Aber was eigentlich? Diese Frage hat mich bewegt, als ich christliche Gemeinden vor Ort besucht habe. Ich bekam Einblick in das Gemeindeleben und konnte Pastoren, Dorfleiter und ehrenamtliche Mitarbeiter interviewen. Dabei habe ich beobachtet, dass es für uns wirklich etwas zu lernen gibt.

Bei den Christen in Nordthailand sah ich keine Angst oder Befürchtungen, dass ihr Glaube von anderen bedroht sein könnte. Eine Gemeindemitarbeiterin sagte mir: „Wir behandeln alle gleich und wollen das Gute für die Menschen. Auch wenn Andersgläubige uns nicht bei unseren Veranstaltungen helfen, unterstützen wir sie bei ihren Aktivitäten.“

Ist das möglich, ohne dabei ein klares christliches Profil zu verlieren? Ja, das ist es offenbar. Inhaltlich empfand ich die Gemeinden sogar theologisch als sehr konservativ, ihre praktische Ausrichtung dagegen war offen, tolerant und angstfrei. Inhaltliche Schnittmengen suchten sie, wo es um das Beste der Stadt ging, zum Beispiel bei gemeinsamen Festen oder beim Erhalt des Dorffriedens. Sie  kümmerten sich um Flüchtlinge und Menschen in entlegenen Bergdörfern, egal woran diese glauben.

Ein Evangelist schrieb kürzlich auf Facebook: „The greatest danger the world faces is not radical Islam, but nominal Christianity.“ Der radikale Islam ist nicht die größte Gefahr für Deutschland, sondern ein Christentum ohne Profil.

Jetzt kann man Profil natürlich unterschiedlich interpretieren. Aber nimmt man das Leben Jesu als Vorbild für den Umgang mit Menschen anderer Religion und Herkunft, bildet sich ein sehr gnädiges und liebevolles Profil ab. Da wo Liebe ist, ist keine Angst. Tony Campolo, ein Theologe und Soziologe aus den USA, spricht in seinem aktuellen Podcast „Interfaith Dialog“ über die Gnade und Barmherzigkeit, die das frühe Christentum für Menschen anderer Religionen hatte. Oder nehmen wir die berühmten Jesusworte aus Matthäus 25 über die „Geringsten seiner Brüder“ oder Paulus’ Aussage in Römer 2, dass es vor Gott kein Ansehen der Person gibt, sondern nach anderen Maßstäben gemessen wird.

Tony Campolo sagt in seinem Podcast außerdem, dass es nobler klingt, wenn Hass im Namen Gottes geschieht. Hinter religiöser Verfolgung stünde aber oft ethnische Verfolgung. Auch die aktuellen Diskussionen in Deutschland transportieren ähnliche Botschaften. Ist es wirklich die Angst vor anderen Religionen, die Bemühung unsere Kultur zu bewahren oder kleidet sich nur Hass gegen das Andersartige neu ein?

Das, was ich in Thailand beobachten durfte und was viele christliche Gemeinden und Kirchen in Deutschland bereits leben, ist: Nächstenliebe, die nicht unterscheidet. Damit können wir Vorbild sein und Einfluss üben. Denn da, wo Liebe ist, ist keine Angst.

“Darkness cannot put out darkness. Only light can do that” (M.L.King) Hass und Angst sind keine guten Ratgeber – und bewirken, was sie säen.

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