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Glücklich sind die Armen

„Glücklich sind die Armen!“. Bitte was? Doch, du hast richtig gelesen. Diese irritierende Aussage hat

Jesus vor über 2000 Jahren gemacht. In der Feldrede des Lukasevangeliums (6,20) bzw. in der berühmten Bergpredigt des Matthäusevangeliums (5,3) beginnt er seine herausfordernde Reden den Worten: „Glückselig die Armen (im Geist), denn ihrer ist das Reich der Himmel.“ Die Bergpredigt ist
die wohl bekannteste Rede, die Jesus gehalten hat. Darin verkündet er, worauf es im Zusammenleben der Menschen ankommt. Die Feldrede ist nicht ganz so bekannt und auch deutlich kürzer.
Beide Reden beginnen mit einem in der Antike bekannten Stilmittel, den sogenannten Seligpreisungen. Sie bezeichnen das Bild eines gelingenden Menschseins. Damit sollen die Hörerinnen und Hörer zu einem bestimmten Handeln eingeladen werden. Das Paradoxe der Seligpreisungen sticht schon beim ersten Lesen ins Auge. Jesus preist eben jene Menschen selig, die im 1. Jh. n. Chr. genauso wie im 21. Jh. in der Regel nicht als erfolgreiche oder mit Glück gesegnete, sondern vielmehr als bemitleidenswerte Menschen gesehen werden. Damals wie heute war der Gegensatz zwischen reicher Oberschicht und armer Unterschicht teilweise recht krass. Neben luxuriösen Villen scharten sich unbeschreibliche Elendsviertel, in denen Menschen wie Vieh zusammengepfercht lebten. Die meisten der Zuhörer Jesu und auch größere Teile der frühen Gemeinde gehörten wohl zur mittleren Unterschicht. Soweit einmal ein kurzer Blick in die damalige Zeit.

Eine Frage die mir beim Lesen unter den Nägeln gebrannt hat: Wer ist mit „Armen“ eigentlich gemeint? Geht es um existenziell-materiell Arme oder um Arme im religiös-geistlichen Kontext? Bei Lukas ist die Sache recht einfach. Die „Weinenden werden lachen“ und die „Hungernden werden satt sein“. Doch gerade die Übersetzung des Reformators Martin Luther „geistlich Arme“ bzw. bei anderen  Übersetzungen „Armen im Geist“, in der Bergpredigt, hat schon vielen Bibelwissenschaftlern und normalen Lesern Schwierigkeiten bereitet. Was ist damit also gemeint?
In der römisch-katholischen Einheitsübersetzung , der Hoffnung für Alle und der Neuen Genfer Übersetzung wird gesprochen von: „Selig, die arm sind vor Gott“. Andere Übersetzungen verwenden die Aussagen wie: „Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten“ (GNB) oder „Gott segnet die, die erkennen, dass sie ihn brauchen“ (NL). Im Griechischen lautet der Satz wörtlich: hoi ptochoí to pneúmati= Glücklich die Armen dem Geiste. Im Exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament, Band 3, S. 467ff steht folgende Übersetzung: „Im griech. bezeichnet πτωχός (…) den völlig Besitzlosen, der sich das Lebensnotwendige durch Bitten beschaffen muss, also den „Bettelarmen“. (…) Matthäus  interpretiert die Armen der ersten Seligpreisung als „Arme im Geiste“ (5,3) … Gemeint sind diejenigen, die sich ganz auf Gottes Erbarmen angewiesen wissen.“ Bei Matthäus geht es weniger um materiell Arme, sondern es geht bei ihm besonders darum, dass man sich seinen spirituellen Zustand bewusst macht. Das man erkennt, wie wenig „pneuma“ (was hier bei Matthäus verwendet wird), also göttliche Kraft, im eigenen Leben zur Entfaltung kommt. Glücklich sein dürfen darum alle, die ihren spirituell angeschlagenen Zustand erkennen und neue Kraft und Hilfe allein von Gott erwarten. Solche religiösen Sinnsucher werden Eingang in Gottes neue Welt, das Himmelreich haben. Matthäus denkt also eher spirituell. Doch die Armen, das zeigen die weiteren Seligpreisungen hat auch er im Blick. Insbesondere die Armen haben vor lauter Überlebens- und Alltagssorgen ja oft keine Kapazität ihre Spiritualität zu pflegen.

 
Lukas denkt bei seinen Seligpreisungen eher sozial. Er blickt auf die Menschen, die gesellschaftlich eher am unteren Rand der Existenz leben und formuliert den Beginn der Feldrede eindeutig im Blick auf die materiell Armen: "Wie glücklich seid ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes!“ Lukas spricht den Armen konkret zu, dass sie sich wieder freuen können und satt werden. Doch das Wort „arm“ beschreibt nicht nur einen Zustand, sondern vor allem ein Verhältnis. Arm ist der von einem anderen abhängig ist. Für Jesus ist die Armut auch eine religiöse Kategorie. Die Armen in unserer Welt sind die Benachteiligten und besitzen darum wohl eine größere Offenheit für Gott. Dadurch, dass Jesus als Botschafter und Bringer der neuen Welt Gottes (Reich Gottes) ganz gezielt auf die Armen zugeht, gibt er ihrem Schicksal eine neue Hoffnung. Indem die Armen glücklich genannt werden, ist das wie eine Art Garantie für die Teilnahme an den besseren Lebensverhältnissen, die im Kommen sind. Lukas spricht denen im Reich Gottes einen Ausgleich zu, die jetzt zu kurz gekommen sind. Das dies keine leeren Worte oder ein zukünftige Versprechungen sind, ist in der Fürsorge Jesu gegenüber den Armen, Kranken und Ausgestoßenen bereits damals für die Menschen erfahrbar geworden.

 
Das Stilmittel der Seligpreisung könnte damals, und auch heute, zum Handeln ermutigen. Doch wie sieht so ein Handlungsimpuls aus?
Wenn also das Reich Gottes die Umkehrung der Verhältnisse im Sinn hat, indem die Hungernden satt werden und die Armen glücklich sind, dann könnte es für alle, die Jesus als Inspirationsquelle und Orientierung ansehen, bedeuten: Wir teilen, damit die Armen jetzt schon die Zukunft schmecken. Und alle diejenigen, die an ihrer Gottesferne leiden, weil sie vor lauter Alltagssorgen ihre Religiosität nicht pflegen können oder keine oder nur wenig Wirkung Gottes an sich spüren, die dürfen wissen: Gott wendet sich euch zu! Gottes Pneuma können wir uns nicht selber geben. Gott will sie aber denen schenken, die neu anfangen ihn zu suchen. Eine hoffnungsvolle Zusage, die mir und meiner oft angeschlagenen Spiritualität, gut tut.

Verwendete Literatur:
Dillmann/Paz – Das Lukasevangelium
Regensburger Neues Testamen – Das Evangelium nach Lukas
Köhnlein – Die Berpredigt
www.bibelwissenschaft.de

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