Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

Grandiose Gleichnisse Teil III: Gefangen im religiösen System

Jeder mit einer christlichen Prägung kennt dieses Gleichnis Jesu. In unzähligen Predigten wird sich in Gottesdiensten, Andachten und in den verschiedensten Gemeindegruppen eingehend damit auseinandergesetzt. Gleichermaßen beliebt im Kindergottesdienst oder im Konfirmandenunterricht. Das wohl bekannteste Gleichnis Jesu im Horizont des Reiches Gottes hat viel bewirkt. In Kirche und Diakonie, Gesellschaft und Kultur hat es deutliche Spuren hinterlassen. Der große politische und überkonfessionelle Wohlfahrtsverband „Arbeiter Samariter Bund“ hat sich nach dieser Geschichte benannt. Es geht um die Parabel vom „barmherzigen Samariter“.

Der Samariter, das ist der Mann, der an dem Überfallenen nicht vorbeigeht oder wegschaut, sondern hilft. Und so lautet häufig das Fazit dieser Story aus Lukas 10, 25-37: Nicht wegschauen, wenn Menschen in Not sind.

Der Ausgangspunkt, dass Jesus diese berühmte Story erzählt, ist die scheinheilig Frage eines Schriftgelehrten: „Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“ bzw. die konkrete Nachfrage: „Wer ist mein Nächster?“. Die erste Frage beantwortet sich der Schriftgelehrte selbst: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.“ Da er Jesus herausfordern will, fragt er: „Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?“ Daraufhin erzählt Jesus die Parabel vom barmherzigen Samariter. Durch den engen Zusammenhang mit dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe ist die Fragen nach dem Nächsten klar in diesen Zusammenhang eingewoben. Die Gottesliebe war für viele Juden damals – und ist für viele Christen heute – akzeptiert. Doch die zweite Hälfte des Doppelgebotes scheint damals wie heute problematisch und erklärungsbedürftig zu sein.

Dieses Gleichnis ist eine Art prophetische Rede Jesu. Denn er erläutert nicht nur wie praktizierte Barmherzigkeit gegenüber meinem Mitmenschen aussieht, sondern er stellt ebenso das enge religiöse Denken der damaligen Zeit infrage. Wieso greift Jesus hier das religiöse System an? Ganz einfach: Ein Tempeldiener und ein Priester gehen von Jerusalem hinab nach Jericho. Beide werden wohl ihren Dienst im Tempel verrichtet haben. Beide machen einen großen Bogen um das blutende Opfer des Raubüberfalls. Oft werden sie als unbarmherzig oder gleichgültig dargestellt. Doch das trifft den Sachverhalt nur bedingt. Sie waren vielmehr in ihrem Glaubenssystem gefangen. Denn die Reinheitsgebote erlaubten Ihnen nicht helfend einzugreifen. Hätten die beiden den blutenden Mann berührt, dann hätten sie wohl den anstehenden Dienst im Tempel nicht wahrnehmen können. Die beiden wähnten sich auf der richtigen Seite. Sie waren sich sicher, den Willen Gottes zu tun. Doch sie hatten nicht verstanden, dass Gottes- und Nächstenliebe zwei Seiten einer Medaille sind. So sehr ich meinen Mitmenschen liebe, so sehr liebe ich Gott. Sie jedoch dachten, Gottesliebe – in diesem Fall die Einhaltung der Reinheitsgebote – stünde vor Nächstenliebe.

Der Tempeldiener und der Priester hätten den Stellenwert von Barmherzigkeit und Mitgefühl eigentlich richtig einschätzen müssen. Denn ihr Gott hat sich immer wieder in der Geschichte mit den Menschen als barmherziger Gott gezeigt. Die beiden waren in ihrem religiösen Denken gefangen. Der Samariter schien genug Freiheit zu haben, um seinem Mitgefühl zu folgen.

In der fiktiven Samaritergeschichte will Jesus zeigen, dass die Reinheitsvorschriften des Tempels (man darf kein Blut berühren) nicht über der Hilfe zu einem Menschen stehen. Mitgefühl steht vor Glaubenstradition.

Ich komme immer wieder in Gemeinden, in denen Mission/Evangelisation (in deren Verständnis die Zuwendung eines Menschen zum christlichen Glauben) höher steht, als diakonisches Handeln oder der aktive Einsatz für mehr Gerechtigkeit. Doch ich glaube, unsere Nähe zu Christus drückt sich nicht allein in einer spirituellen Nähe aus, sondern auch darin, wie wir mit den Armen und Schwachen umgehen. „Liebe deinen Nächsten“ ist keine höfliche Bitte, sondern „das Gebot eines besorgten Gottes“, so sagt es Bono in dem Buch von Jim Wallis „Wer wenn nicht wir“. Der Sänger von U2 fügt hinzu: „In einer globalen Welt ist die Definition von „Nächster“ nicht mehr die gleiche, wie sie früher einmal war“. Das Prinzip hat sich nicht geändert. Aber ich kann den zu meinem Nächsten machen der – bildlich gesprochen – unter die Räuber gefallen ist. Ganz egal, ob den Einsamen in meiner Nachbarschaft, den Kriegsflüchtling aus Syrien, die hungernde Frau aus Äthiopien oder den verzweifelten Teenager aus El Salvador.

In diesem Gleichnis fällt das Wort „Gott“ kein einziges Mal und doch spürt man irgendwie die Präsenz Gottes, indem von Jesus ein „Reich Gottes“, eine Kraft der Liebe beschrieben wird. Man sieht in diesem, wie auch in all den anderen Gleichnissen vom Reich Gottes, den „offenen Himmel“ über uns. In diesem Gleichnis geht es nicht um einen korrekten Glauben, sondern es geht um die verändernde Kraft der Liebe. Das Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten endet mit den Worten Jesu: „Dann geh und folge dem Beispiel des Samariters!“ Mich fordert dieses Gleichnis an mindestens zwei Punkten heraus: 1. Wo muss ich mein Glaubensgebäude öffnen, um tatsächlich den Willen Gottes leben zu können und 2. Wie weit darf/sollte meine Liebe gehen?

Google+WordPressBlogger PostEvernoteFacebookTwitter
Kommentare

Hinterlassen Sie ein Kommentar