Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

Nicht helfen heißt töten?

Stell dir vor, dass du auf dem Weg zur Arbeit an einem Kind  vorbei kommst. Das Kind watet im Wasser eines kleinen Teiches. Als du näher kommst, siehst du, dass es sich um ein Kleinkind handelt, das hilflos mit dem Armen rudert. Es kann nicht richtig stehen und schafft es auch nicht an Land. Du schaust dich suchend nach den Eltern um. Aber niemand ist zu sehen. Wenn du nicht sofort handelst, wird es ertrinken. In den Teich zu waten dürfte kein Problem für dich sein. Aber du wirst dir dabei wohl die Schuhe ruinieren, die du dir erst vor ein paar Tagen gekauft hast. Und auch der teure Anzug wir völlig nass und schmutzig werden. Das Kind zu retten, die Eltern oder die Bezugsperson zu finden wird so lange dauern, dass du nicht mehr pünktlich zur Arbeit kommst. Was sollst du tun?

Der Philosoph Peter Singer versucht mit dieser schlichten Analogie aufzuzeigen, dass wir moralisch verpflichtet sind, weit mehr für die von Not und Unterdrückung geplagten Menschen in den extrem armen Ländern dieser Welt zu tun. Statt unser Geld für „Luxusartikel“  wie Tablets, Smartphones oder Neuwagen zu verwenden. Das Fazit seines Buches: „ Leben retten. Wie sich Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun“ hat er in drei Prämissen zusammengefasst:

Erste Prämisse: Dass Menschen wegen eines Mangels an Nahrung, Unterkunft und medizinischer Versorgung leiden oder gar sterben müssen, ist schlimm.

Zweite Prämisse: Wenn es in unserer Macht steht, etwas Schlimmes zu verhindern, ohne ein annäherndes bedeutendes Opfer bringen zu müssen, dann ist es verwerflich, nicht zu helfen. Kurz gesagt: Schlechte Zustände, die man verhindern kann, sollte man verhindern.

Dritte Prämisse: Wenn man Hilfsorganisationen Geld spendet, kann man das Leiden verhindern, das durch den Mangel verursacht wird, ohne das man sich selbst diesem Mangel aussetzt.

Seine Schlussfolgerung ist: Wer kein Geld für Hilfsorganisationen spendet, handelt falsch.

Singer verteilt eine negative Verantwortung für die Unterlassung von der Unterstützung von Hilfsorganisationen. Drängt er damit nicht zu viele Menschen in „wohlhabenden Ländern“  in die Ecke, indem er uns, wenn wir nicht helfen würden, den Tod von hungernden oder medizinisch unterversorgten Menschen aufdrängt? Er nimmt jeden einzelnen Menschen in die „Pflicht“. Aber ruft das nicht eine Überforderung hervor?

Weiter könnte man anmerken, dass je nach Land bis zu 50 Prozent Steuern gezahlt werden. Wir arbeiten also ohnehin einen beträchtlichen Teil des Jahres für andere. Und werden nicht unsere Steuern auch zur Sicherung des Existenzminimums der Armen und  Kranken in unserem Land verwendet? Und Entwicklungsgelder werden ja auch davon nach Afrika oder Asien gepumpt. Lässt sich überhaupt aus dem konkreten Notfall, ein ertrinkendes Kind zu retten, eine Pflicht ableiten, uns unbekannte Menschen irgendwo in dieser Welt zu retten? Und noch ein Gedanke: Sieht Singer nicht in den Armen nur Objekte einer wie auch immer gearteten Hilfe der Reichen?

Weltarmut und extreme globale Ungleichheiten werfen ethisch-moralische Fragen auf. Wie weit kann und soll mein persönlicher Einsatz für globale Gerechtigkeit gehen? Wie kann ich zur Beseitigung von Notzuständen und Ungleichheit beitragen?

Oder hat er doch recht, wenn er zu Konsumzurückhaltung aufruft – um der Armen willen? Denn viele in Deutschland hätten ja die finanziellen Möglichkeiten – einfach so oder durch ein wenig Verzicht – Menschen durch Spenden an Hilfsorganisationen zu „retten“.

Kommentare

Hinterlassen Sie ein Kommentar